Markus Hensler


Markus Hensler – Das Sein der Bilder. Nach einem Gespräch mit Ralf Samens. 

Erschien am achten Dezember 2012 im Berner Almanach Band 6 Performance (ISBN 978-9523742-7-6). 


Bild eins, Vorhang auf: Schwerst bewaffnete Polizisten besetzen ein Spielfeld, von einer Wurst attackiert. Attac!


Eigentlich finde ich ja, dass über Performances nicht gesprochen werden kann, unmittelbar danach mit ebenfalls Anwesenden vielleicht ja, aber später, nein, da habe ich vergessen gelernt. Und jetzt sitze ich in deiner Gedankenvoliere bzw. deinem Atelier, spreche und versuche, deine Fragen zu beantworten, und überlege bereits, welche Bilder ich mit der Transkription unseres Gespräches …nobody is perfect … finde ich doch, dass Fotografien und andere Dokumentationsformen der Performance in ihrer situativen Eigenschaft nur bedingt und sehr schlecht entsprechen.

Aber du hast mich gefragt wie alles begonnen hat, wie ich auf die Performance gekommen bin.

Einerseits bin ich damals, als es in der Stadt nur zwei, drei Orte gab, wo ich dachte hingehen zu müssen, dort bin ich Leuten begegnet, die wie ich es chic fanden in die Kunsthalle oder samstags Nachmittag zu einer Vernissage bei Toni Gerber zu gehen. Und andererseits meinte ich während der Lektüre von Prosper Merimée's Colomba, die Ankündigung eines Vocerateurs in der Kunsthalle sei ein Auftritt eines Korsischen Klagemannes, doch es war Serge Lador aus Lausanne, und es war mein erster Performance-Konsum.


Bild zwei: Ein Portrait von Serge Lador (1945 – 2011), Künstler und Freund.


Bild drei: Eine Situation aus der ersten Das Sein der Bilder Performance, 19. September 1998, Atelier Vollrad Kutscher, Frankfurt a. M., Foto: Gerhard Johann Lischka.


Und in so einer Situation trifft man in Bern selbstredend, mit einem grossen Schweigen und sicher Gerhard Johann Lischka.1

Bitte, nächste Frage.

Ja, gewiss. Trotz dem Flüchtigen, dem einzigartigen Flüchtigen einer Performance lohnt es, sich der Geschichte und der Geschichten zu erinnern, ohne ausser Acht zu lassen, dass der Moment entschwunden ist, der magische Moment, sage ich sogar.

Doch zurück zu deiner Frage. Durch die Hintertüre einer Bühne im Hotel Schweizerhof während eines Konzertabends im Rahmen der Ausstellung Alles und noch viel mehr von Lischka gelangte ich in den professionellen Umkreis darstellender Künste. Da die Musiker der offiziell aufspielenden Halle K nur ein halbstündiges Set hatten, machte ich aus, die zweite Hälfte der zur Verfügung stehenden sechzig Minuten mit einem Konzert von EigerNordWand2 inkognito zu füllen. So engagierte uns Norbert Klassen3 geradewegs backstage für die musikalische Untermalung einer Thomas-Bernhard-Inszenierung im Stadttheater Bern, weitere Projekte seines StopPerformanceTheaters u. a. während Jürgen Glaesemers Gleichzeitigkeit des Anderen 1987 im Kunstmuseum Bern usw. usf. folgten.

Doch genug des Namen-Fallen-Lassens, obwohl ich sicher gleich wieder damit anfangen werde. Wie das anfangs erwähnte Paradox eines gewissen Ekels gegenüber der Dokumentation von situativen Performances und der Anerkennung der Notwendigkeit einer geschichtlichen Aufarbeitung, genauso verhält es sich mit meiner Name-droping-Phobie, alle Namen in Ehren natürlich.


Ja, richtig, ich komme eigentlich aus der Musik, ah, das wusstest du nicht. Nicht nur krude Indu-striemusik und andere, populäre Stile, sondern auch Konzepte, wie die von John Cage, klingen in meinen Ohren. Mit deren u.a. auch darstellendem Charakter entsteht eine Schnittstelle zum Theater und der Performance. Ein Grund, weshalb ich ein Studium an der F+F in Zürich auswählte. Die Möglichkeit der Vertiefung in eine Kunstform in ihrem bildenden Kontext. Dank Boris Nieslony, von dem ich einen der schönsten die Kunst seit Duchamp umschreibenden Begriffes kenne, der der poetischen Entwendung. Dank Boris entdeckte ich, dass es sich lohnt, das Risiko einzugehen, eine Idee wie für ein Gemälde, wie für ein Musikstück mit einer Ernsthaftigkeit zu realisieren und dabei gleichzeitig der Unsicherheit, die zum Handeln zwingt, bewusst zu sein. Diese Ungewissheit und diese unfassbare Eigenschaft bildet wiederum den Nährboden für neues Tun. Langes Warten, Lan-geweile, kalte Füsse, voller Kopf, einiges für die Vögel, den Ärger, Zeit verschwendet zu haben, lange Reisen, schleppende Rollen, Blähungen, Hitze. Halt!, da ist er, ein Hauch, ein Glimmen, eine Ahnung des Wesentlichen, ein Furioso, ein Quodlibet der Partituren, ein Blitzen, viel für die Vögel, ein Fauchen, ein Lachen, ... und bereits ist es aus, unfassbar. Der Weg liegt vor einem, und, ohne wissen zu müssen, wohin er führt, betritt man ihn; und endet möglicherweise auch im Scheitern.

Doch schweife ich aber ab und in die Ferne. Wie du auch erwähnt hast, breitete sich mein Aktionsradius ebenfalls aus. Die Windrose drehte sich munter. Nebst aus epizentrischen Plätzen wie Basel, Frankfurt und Köln folgten auch Einladungen von Performance-Enthusiasten unweit der Säule der Unendlichkeit im Brancusi-Land an das Ann Art Festival nach Sfantu Gheorghe. Dort zeigte ich die Orange Zeit Performance 4 (1994) von einem Balkon im Stadttheaterinnenhof. Zudem realisierte ich Border5 (1996, grandioser Flop) und ein weiteres Mal das vorhin erwähnte Sein der Bilder (1999) unmittelbar nach einer Sonnenfinsternis. Keine Chance gegen so ein Ereignis, aber trotzdem gutes Timing nicht? Weniger gut war das Timing für die Reise 2003 an das Full Nelson Festival von Jamie McMurry6 in Seattle, kurz nach den Anti-WEF-Unruhen dort. Bestens für den Aufenthalt vorbereitet kreuzte ich im Flug auf dem Visumformular die falsche Antwort an, nein, nicht die, ob ich kriminell sei. So kam es am Zoll zu einer Verknüpfung von Missverständnissen, welche in einer Nacht im Washington State Prison endete, worauf mich das Flugzeug auf Belpmoos bald wieder ausspuckte.

Wie bitte, doch das stimmt, heute steh' ich nun da, wo und wie man mich auf der Fotografie von Martin Wiesli sehen kann und ich am 10. Juni 2011 im PROGR Bern gestanden bin. Ansonsten bewege ich mich von meiner momentanen Schreibstube hinaus auf mein Wohnungsmodell im Grünen und zurück an die Tastatur und den Gedankenwelten. Darüber hinaus kaum weiter als innerhalb meiner gefühlten Hektare - selbst mein vor der Haustüre in der Nacht gestohlene Fahrrad habe ich wenige Stunden später an der nächsten Strassenlaterne gefunden -. Da gilt es, eines Reise ausserhalb meines Zimmers behutsam und wohlbedacht anzugehen, selbst eine nach Burgdorf.


Bild vier: Eine Reise durch meinen Garten, Land Art als Performance – oder ist es anders rum? Seit 1997 in Bern.


Bild fünf: Eisig zieht der graue Wind durch den weiten Weg zurück, ohne Zeiger steht die gestrichene Zeit hoch oben wachend. Burgdorf, im März 2011.


Es spricht für sich, dass ich früher oder später auch selber Performances zu organisieren begann. Wie Du erwähnst, war es halt damals in den 90er Jahren geläufig, dass Künstler sich intensiv mit Organisationsstrukturen und sozialen Netzwerken auseinandersetzten. U.a. ebnete das schlussendlich der Zusammenarbeit während den ersten BONE Internationalen Performance Festivals in Bern mit Norbert und dir ja auch den Weg.

Ja, ganz komisch, und seltsam. Erst später bemerkte ich, wie Erinnerungen sich in die Gegenwart einnisten, um sich nachträglich als poetisches Gebinde verschiedener Ideen zu entpuppen. Nachträglich erinnerte ich mich an ein Plexiglasboxbild – ich denke es war von Markus Raetz -, das wie beiläufig an einer Ausstellung von ... in der Galerie Toni Gerber herumstand. Darauf bewegten sich kaum merkbar unendlich langsam farbige Klebebandrollen über die Bildfläche. Da sind wir wieder bei der poetischen Entwendung, diese mirakulösen Koinzidenz! Der Blick in den Spiegel, wo sich immer nebst dem Selbst auch das andere zeigt.

Schönen Tag noch in deiner fraktalen Skulpturenwelt.


Bild sechs: Detail aus einer neuen Skulpturengruppe von Ralf Samens, Arbeitstitel: Transformatoren. Burgdorf im März 2011.


P. S.: Anzahl verwendetes Wort 'Performance': 23 .


P. P. S.: Man höre wieder einmal J'suis snob von Boris Vian aus dem Jahre 1954. (…) et quand je serai mort, j'veux un suaire de chez Dior.“ Was ist der doch für ein grandioser Ubu, dieser Rasta. (http://www.youtube.com/watch?v=6sL3WGyt7bc)



Letztes Bild, Abgesang, gekörnt: Die von Bernhard Huwiler fotografierte und die von Markus Hensler teuer bezahlte erste Un suaire Performance, 2004, Ateliergemeinschaft Laubeggstrasse, Bern. Keep on rollin'! Vorhang zu.



1   „Lischka, nenn' mir zwei, drei Stichworte zu einer meiner Performances!“. „Sehr sanft zurückhaltend, und doch spannend“. Über die Performance „Das Sein der Bilder“ (19. September 1998, Atelier Vollrad Kutscher, Frankfurt a.M.)Siehe auch: Jungo, Esther Maria; Kunsthalle Palazzo (Hg.): Jahreskatalog 1999. Darin befindet sich ein lesenswerter Essay von Johannes Lothar  Schröder über diese Arbeit.

2   In der damaligen Formation mit Dominique Uldry, Martin Pavlinec und mir: https://youtu.be/CmKWWoruP50?temp-new-window-replacement=true

3   „Norbert, nenn' mir zwei, drei Stichworte zu einer meiner Performances!“ „ Konzentriert, minimal.“ zur Performance Der Tisch aus meinem Kopf, ich glaube, das war anlässlich eines Anlasses in der Kunsthalle Bern.

4   Partitur Orange Zeit Performance: Man nehme eine saftige, reife Orange; gross genug, damit sie in der Mitte einer schlichten Malerabdeckbandrolle hält. Mit den Fingern einer Hand ergreife das eine Ende des Bandes und halte das Ganze von einer beliebigen Höhe, und warte, bis die Orange den Boden erreicht. Die Rumänienversion dauerte etwa neunzig Minuten. Foto und Video auf Anfrage unter henslermarkus@bluewin.ch oder via ,Kontakt-Koordinaten' auf www.markushensler.ch.

6   http://www.youtube.com/watch?v=TWa_J8Q_WBk&temp-new-window-replacement=true und http://www.performchinatown.com/